Unsere kosmische Urquelle ist ein Energiefeld,

das in uns und um uns herum wirkt.

 

 

 „Wirkliche Wiedergeburt ist das Sterben des Ego in das absolute Bewusstsein.

 Mein Körper stirbt, meine Seele stirbt, aber nicht mein Geist!“

 

 (Sri Ramana Maharshi - 1879 – 1950)

 

           

 Wenn ich am Abend den Himmel staunend betrachte und das Heer der ewig in seinen Grenzen sich schwingenden Lichtkörper, Sonnen oder Erde genannt, dann schwingt sich mein Geist  über diese so vielen Millionen zur Urquelle hin, aus welcher alles Erschaffene strömt und aus welcher ewig  neue Schöpfungen entströmen werden.“ (Ludwig van Beethoven, 1770 - 1827)

 

 

Im Neuen Testament finden wir 270mal das Wort Geist (lat. spiritus), nur 19mal das Wort Seele (lat. anima).

 

Der Geist weht, wo er will. So ist es mit jedem, der aus Geist gemacht ist!“ (Johannes 3, 8).

 

 

„Die Gegenwart eines höheren,  und zwar eines geistigen Elements ist unabdingbar zur Vollendung der Schönheit. Schönheit ist das Kennzeichen,  das Gott der Tugend verliehen hat.  Jede natürliche Handlung hat Anmut.  Jede heroische Tat ist zudem auch ehrbar und verleiht dem Ort der Tat  sowie den Anwesenden einen eigenen Glanz. Große Taten lehren uns, dass das Universum jedem darin befindlichen Individuum gehört. Der Dichter, der Maler, der Bildhauer, der Musiker, der Architekt, sie alle suchen den Glanz der Welt auf einen Punkt zu konzentrieren, und jeder von ihnen sucht in seinen Werken der Schönheitsliebe gerecht zu werden, die seine Schöpfungen angeregt hat. Die Schönheit ist in ihrem umfassendsten  und tiefsten Sinne ein Ausdruck des Universums. (Ralph Emaldo Emerson)

 

Der berühmte amerikanische Dichter-Philosoph Ralph Waldo Emerson (geb. 25. Mai 1803 in Boston – gest. 27. April 1882 in Concord) lehrte, dass der Geist das einzig Wirkende ist. Er war das dritte von 8 Kindern eines unitarischen Priesters. 1829 heiratete er – seine Frau starb 1831 im Alter von nur 19 Jahren. Emerson ist der Träger des Göttlichen in der Natur und in der Seele.  In seinem nicht-pantheistischen Essay „Die Über-Seele“ spricht Emerson von dem einheitlichen Geist, der alle Erscheinungen schafft und durchdringt, die Widersprüche vereint, der in der lebendigen wie in der leblosen Materie derselbe ist. Emersons Denken ist von einer antiwissen-schaftlichen Haltung geprägt, da er erkannt hat, dass der Wissenschaft die Menschlichkeit fehlt.

 

„Alle Menschen in der Welt spüren gegenwärtig das Verlangen, die spirituelle Dimension zu erschließen. Jenseits von Körper und Seele befindet sich der raum- und zeitfreie Zustand der Gegenwart. Hierbei handelt es sich nicht um ekstatische Befindlichkeiten oder Visionen, sondern es geht sehr schlicht und einfach um die unmittelbare Erfahrung von Gegenwart in allen Dingen unseres täglichen Lebens. Dieser Gegen-wart sollte man keinen Namen geben. Man kann sie GOTT nennen, aber das scheint mir gefährlich. Das Wort GOTT ist derart missbraucht und dubios, dass man es besser nicht benutzt. Die Menschen haben so viele verschiedene Vorstellungen, was Gott ist und/oder nicht ist. Der deutsche Mystiker Meister Eckhart bevorzugte den Begriff GOTTHEIT, die letzte Wirklichkeit jenseits eines persönlichen GOTTES. Im Hinduismus nennt man dies BRAHMAN, den göttlichen Urgrund. BUDDHA weigerte sich, einen Namen zu nennen, und sprach von NIRVANA, dem Auslöschen jeglicher Vorstellungen.“ (Dom Bede Griffiths O.S.B., 1906 - 1993)

 

 

Die lateinischen Worte dies (Tag) und deus (Gott) hängen etymosophisch eng miteinander zusammen.

Dies   = der helllichte Tag –  Deus = das Licht in der Welt

Sanskrit: Dyau Glanz, Göttlichkeit, Region des reinen Lichts.

 

Alle Weisen mahnen zur Besinnung, zur Um – und Rückkehr in das urei-genste Zentrum, welches man mit Gott, Brahman, Seinsgrund, Nirvana, Urquelle u.a. bezeichnen kann. Der große Transformationsprozess vollzieht sich bereits seit längerem, und immer wieder werden wir durch periphere Sensationen und Phänomene in Atem gehalten.

 

Der Bewusstseinswandel ist nicht etwas völlig Neues, sondern lediglich die uralte Wieder-Erkenntnis (engl.: recognition) einer not-wendigen  gemein-samen Geburt (frz.: con-naissance).

 

Alles hängt mit allem zusammen, wie die Sterne im Universum eine Konstellation bilden (lat..: stella = Stern).

 

Der Bewusstseinsschritt vom Ego zum Gemeinsamen wird immer größer.

 

Gleichzeitig muss man mit ebenso großer Sorge zur Kenntnis nehmen, wie in so genannten spirituellen Kreisen – leider oft unbewusst bzw. in Unkenntnis -- in ähnlicher Weise mit der Inanspruchnahme Gottes verfahren wird. Avidya (Sanskrit: Nicht-Wissen) ist ein wichtiger Begriff der Vedanta-Philosophie. Die individuelle Nicht-Erkenntnis vermag zwischen Vergänglichem und Unvergänglichem, zwischen Wirklichem und Unwirklichem nicht zu unter-scheiden, die kosmische Nicht-Erkenntnis ist Maya (Illusion). Avidya gilt als die Wurzel alles Unheilsamen in der Welt; es ist derjenige Geisteszustand, der illusorische Phänomene für Wirklichkeit hält und Leiden herbeiführt. Die Aussage „Ich bin Gott“ bei gleichzeitiger Wahrnehmung und Verbreiten multi-valenter Wirklichkeits-Ideen ist äußerst problematisch und verursacht Schäden ungeahnten Ausmaßes.

 

Wer von sich selbst sagt: „Ich bin Gott“ verwechselt Identität mit Identifikation und erhebt sich zum Schöpfer des Universums. Der Mensch ist zweifellos ein Co-Kreator, ein ständig Mitschöpfender, aber nicht der Schöpfer allein. Vor dieser irrigen Annahme haben zu allen Zeiten die Meister und Weisen gewarnt.

 

In Unkenntnis der großen Heiligen Schriften wird der klassische Lehrsatz der Veden oft missgedeutet: Aham Brahman Asmi (Ich bin Brahman). Aham ist das wirkliche Ich des Menschen und muss von Ahamkara (Ego-Bewusstsein) unterschieden werden. Brahman, das ewige, unvergängliche Absolute, die höchste, nicht-duale Wirklichkeit des Vedanta, ist ein Begriff, für den es in den dual aufgefassten Religionen mit einem persönlichen Gott kein Äquivalent gibt. Brahman ist ein Zustand reiner Transzendenz, der Überschreitung der Polarität von Geburt und Tod, wo Vorstellungen und Projektionen von Rein-karnation u.ä. keinen Platz finden. Der vedische Ausspruch „Kam Brahman (Alles ist Brahman; christlich ausgedrückt: alles ist Gott) besagt, dass nur Brahman, der Wesensgrund existiert und wir darauf eine Vorstellungswelt des Denkens projizieren wie Bilder auf eine Kinoleinwand.

 

Die Leinwand selbst bleibt stets unberührt.

 

Jede ernsthafte Kontemplations-Übung, die von Imaginationsgebilden befreit ist, versucht auf dem Weg in die völlige Leere (Nirvana = das Auslöschen aller Gedanken) sich dem kosmischen Urgrund zu nähern. Je näher man sich diesem unzerstör-baren, ewig in jedem Menschen existierenden Wesenskern kommt, desto kleiner wird das hinderliche Ego und die wahre Persönlichkeit strahlt leuchtend hervor.

 

Der berühmte Sufi-Meister Pir Vilayat Inayat Khan (1916 - 2004) – einer der großen Weisen des 20. Jahrhunderts, der 2 Tage vor seinem 88. Geburtstag am 17. Juni 2004 in der Nähe von Paris starb, warnte:

 

„Auf dem Wege in das innerste Zentrum gibt es Zwischenstadien. Vielleicht haben Sie Visionen – z.B. von Engels-gesichtern oder von Tempeln aus Licht, von Weltuntergängen oder von Menschen, die über die Schwelle des Todes geschritten sind. Vielleicht haben Sie auch akustische Wahrnehmungen, hören Klänge, wie die Symphonie der Sphären. Dies alles sind nur Zwischenstationen, und Sie sollten nicht zulassen, von ihnen gefangen oder aufgehalten zu werden. Sie sollten diesen Zustand auch nicht von sich aus bestärken, denn er bewirkt das Aufblähen des Ego, und wenn sie zurückkehren in das Alltagsbewusstsein, ist die Versuchung groß, sich solcher Erlebnisse zu rühmen, was das Bewusstsein auf das Ego zentriert. Meditation ist kein Erlebnis, sie ist Kommunion. Wo es Erfahrung gibt, da gibt es ein ‚Ich’ und ein ‚Es“, und jemand, der über eine Vision spricht, befindet sich in einem Zwischenzustand. Man kann stecken bleiben in jeder dieser Ebenen, wie etwa der astralen, und viele beschreiben diesen Zustand. Er ist eine Spaltung des Bewusstseins. Psychologisch entspricht er dem Zustand der Schizophrenie. Er ist ein Annehmen zweier verschie-dener Persönlichkeiten.. Astralreisen bringen gewisse Gefahren mit sich. Man ist gespalten zwischen zwei Welten. In der echten Meditation müssen wir etwas, das größer ist als unser Wille und unser Bewusstsein, die Führung übernehmen lassen.“

 

Die „Ich-bin-Erfahrung“ macht nur derjenige, der sich aus der Projektions-vielfalt von Imaginationen, Visionen, Durchsagen, Rückführungen etc. ver-abschiedet hat zugunsten der authentischen Berührung des innersten Wesensgrundes. An diesem Punkt hören Konflikte jedweder Art auf. Die spirituellen Lehrer haben es sich zur Aufgabe gemacht, ihre Schüler dorthin zu führen und sie vor den Fallstricken göttlicher Eigenmächtigkeit zu be-wahren. Die Unterscheidung der Geister ist eine gefährlich Gratwanderung auf des Messers Schneide. Die indischen Meister sprechen von: „on the razor’s edge.“

 

In unserem Leben geht es um tägliche Neugeburt – nicht aber um eine Wie-dergeburt nach dem Tode. Wir brauchen den Tod nicht zu fürchten, nicht zu überlisten und auch nicht mehr zu überwinden. Er ist schon überwunden in Jesu Christi Tod und Auferstehung.

 

Die buddhistisch geprägten ZEN-Meister sagen:

„Wir kommen nicht und wir gehen nicht. Es gibt weder Geburt noch Tod!“

 

 Im Johannes Evangelium, Kapitel 3, spricht Jesus zu Nikodemus: „Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen“.

 

Und Nikodemus entgegnete ihm: „Wie kann ein Mensch, der schon alt ist, geboren werden? Er kann doch nicht in den Schoß seiner Mutter zurück-kehren und ein zweites Mal geboren werden.“

 

Jesus antwortete: „Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; was aber aus dem Geist geboren ist, das ist Geist. Wundere dich nicht, dass ich dir sagte: Ihr müsst von neuem geboren werden.“

 

Diese Szene ist nicht ohne Reiz. Mitten in der Nacht kommt ein hochrangiger Vertreter des offiziellen Judentums, der Pharisäer, Nikodemus, zu Jesus, um mit ihm zu diskutieren. Der Evangelist Johannes verrät uns nicht, wer der Zeuge dieser nächtlichen Begegnung ist. Man darf also Zweifel anmelden, ob dieses Gespräch tatsächlich stattgefunden hat oder im Nachhinein beweisen soll, dass angesehene Juden mit Jesus Kontakt pflegten.

 

Nikodemus scheint jedenfalls Probleme zu haben, Jesus in der Öffentlichkeit zu befragen. Die neue Lehre interessiert ihn, aber er will sich ganz unverbindlich und inkognito informieren. Das Gespräch nimmt einen eigenartigen Verlauf. Nikodemus versucht offenbar herauszufinden, für wen Jesus sich selbst hält. Er sagt: „Wir wissen, du bist ein Lehrer des Volkes, den Gott gesandt hat, denn ohne Gottes Hilfe könntest du keine Wunder wirken.“ Jesus antwortet mit einem Satz, der überhaupt nicht auf Nikodemus einzugehen scheint: „Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen.“

 

Die meisten Bibelkommentare verstehen diesen berühmten Dialog zwischen Jesus und Nikodemus als einen Hinweis auf das Taufsakrament. Aber das Wort von der Neugeburt aus Wasser und Geist“ lässt eine weitergehende Deutung zu. Wasser ist in allen Kulturen von elementarer Bedeutung und Symbolkraft. Ohne Wasser kein Wachstum, kein Leben für Mensch und Tier und Pflanze. Es hat reinigende, heilende Wirkung. Es löst und verbindet, ist formlos und weich, aber stärker als Stein. Es gestaltet Landschaften und zerstört sie wieder, es schenkt Fruchtbarkeit und Leben, bringt Tod und Untergang.

 

Fast alle Schöpfungsmythen gehen davon aus, dass Wasser der Urstoff gewesen sei, aus dem die Welt entstand. Auch der biblische Schöpfungs-bericht beginnt: „Finsternis lag über der Urflut, und Gottes Geist schwebte über dem Wasser“ (Genesis 1,2).

 

Was in der Einheitsübersetzung der Bibel farblos „Urflut“ genannt wird, ist nämlich kein still ruhender See, sondern ein gewaltiger, brausender Ozean, chaotisch und ungeordnet, ohne Gegensätze von oben und unten, hell und dunkel, Vergangenheit und Zukunft. Geist und Wasser bilden ein dyna-misches Ganzes, aus dem „Welt“ entsteht.

 

Auch die griechischen Philosophen sahen im Wasser den „Ursprung des Lebens“ (Thales von Milet). Alexander der Große, so berichtet die Sage, sei bis an die lichtlosen, nebelerfüllten Randzonen der Welt vorgedrungen, um das „Wasser des Lebens“ zu suchen -- eine Quelle, in der unterzutauchen unsterblich machen sollte. Auch Jesus spricht vom „Wasser des Lebens“ zu der Frau am Jakobsbrunnen, wenn er sagt: „Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt.“ (Johannes 4, 13-14).

 

Diesen Satz könnte Buddha gesagt haben. Gier und Unwissenheit sind nach seiner Lehre die Ursachen des Leidens auf Erden, mit dem sich jeder Mensch konfrontiert sieht. Auch der Gedanke des Wiedergeborenwerdens, der Nikodemus in Erstaunen versetzt, war ihm nicht fremd. In der hinduistischen Volksfrömmigkeit gab es die Vorstellung einer Seelenwanderung: nach dem Tod verlässt die Seele des Menschen dessen Körper, um in neuer Gestalt in einem neuen Lebewesen reinkarniert zu werden. Abhängig von seinen guten oder schlechten Taten (das Sanskritwort Karma bedeutet Tat), wird jeder Mensch im Pflanzen-, im Tier- oder im Menschenreich wiedergeboren. Die Seelenwanderung gab eine Antwort auf das schwierige Problem einer gerechten Vergeltung von Gut und Böse, über das die Menschheit immer wieder nachgedacht hat. Das Fatale der Wiedergeburts-Theorie ist jedoch, dass der Mensch aufgrund seiner Unwissenheit und seines natürlichen Lebensdurstes kaum in der Lage ist, sich so zu verhalten, dass eine Wie-dergeburt in einer „höheren“ Daseinsebene gesichert erscheint. Erst durch eine endlose Kette von Wiedergeburten kann er sich zum Götterhimmel emporarbeiten, wo ihn zwar ein angenehmes, aber auch kein ewiges Leben erwartet.

 

Buddha löst sich radikal von der Vorstellung des Hinduismus, jede Tat des Menschen habe gute oder schlechte Folgen. Wenn das richtig wäre, so fol-gerte er, müsste es genügen, nichts zu tun, um zur Vollendung zu gelangen. Jeder Mensch ist aber schon durch seine physische Existenz dazu verurteilt, etwas zu tun, zum Beispiel sich Nahrung zu verschaffen. Buddha betont deshalb, nur jene Taten erzeugten gutes oder schlechtes Karma, die der Mensch willentlich vollziehe. Buddhas Lehre weicht hier noch in einem zweiten Punkt von altvertrauten Vorstellungen ab. Für ihn existiert nichts, was über den Tod hinaus Bestand haben könnte, also auch keine ewige Seele, für die ja sonst eine Heilssphäre, etwa ein Paradies vorhanden sein müsste. Natürlich fragten die Brahmanen, was denn wiedergeboren werde, wenn Buddha die Seele leugne. Der scheinbare Widerspruch löst sich, wenn man die einzelnen Existenzen des Menschen nicht durch das Band einer unsterblichen und unveränderlichen Seele verknüpft sieht, sondern als ein Bedingungs-gefüge versteht.

 

Buddhas legendenhafte Geburt ist bereits voller Symbolik, denn „Maya“, der Name seiner Mutter, hat auch die Bedeutung von Illusion oder Täuschung. In eine Welt der Täuschungen und des schönen Scheins hineingeboren, sucht Buddha nach der Wahrheit.

 

Viele leben heute noch nach dem Motto des berühmten lateinischen Sprich-wort: „mundus vult decipi, ergo decipiatur“ (die Welt will betro-gen/ getäuscht sein, also wird sie betrogen).

 

Der Mensch scheint ein hilfloses Opfer des Karma-Wirkens zu sein. Aber Buddha erkannte in der Gesetzmäßigkeit auch die Chance zur Befreiung. Durch rechtes Denken, rechtes Tun, rechte Lebensweise, kurz: indem man dem achtfachen Pfad folgt, kann man die Gier (Sanskrit: Trishna) auslöschen, die Entstehung schlechten Karmas verhindern und die leidvolle Kette der Wiedergeburten durchbrechen.

 

Dem Judentum war die Vorstellung einer Wiedergeburt fremd. Deshalb wundert sich Nikodemus, dass Jesus von der Notwendigkeit spricht, neu ge-boren zu werden. Und in der Tat ist dies ein Gedanke, den wir so nur im Johannes-Evangelium finden, dessen Autor von griechischer Philosophie und gnostischen Vorstellungen beeinflusst ist. „Gnosis“ bedeutet Erkenntnis/Ur-Wissen.

 

Ob die gnostische Lehre von indischen oder gar buddhistischen Vor-stellungen beeinflusst ist, lässt sich nicht klären. Ähnlichkeiten und Berührungspunkte sind zweifellos vorhanden. Aber es wäre falsch, den Evangelisten Johannes als Gnostiker anzusehen, wenn er davon spricht, dass Jesus „das Licht der Welt“ sei, oder dass „das Licht in die Finsternis gekommen“ sei. Hier liegen eher archetypische Bilder zugrunde, die man in den verschiedensten Religionen findet.

 

Wer nicht von oben her (im griechischen Originaltext steht „anothen“ = vom Ursprung her) geboren wird, der wird das Reich Gottes nicht sehen!"“ sagt Jesus zu Nikodemus. Im Evangelium steht das Wort: sehen! Es geht also nicht um eine körperliche Wiedergeburt, auch nicht um eine Seelen-wanderung, sondern um eine „Neugeburt vom Ursprung“ her, welche den Menschen völlig verwandelt, transformiert, so dass er die Welt in neuem Licht sieht.

 

Jeder von uns ist durch Herkunft, Geburt, körperliche Konditionierung, Erziehung, Erlebnisse usw. in ein Netzt von Beziehungen und Abhängigkeiten eingebunden, aber niemand ist hilflos darin gefangen. Wir sind nicht einmal für alle Zeit festgelegt auf das, was wir hier und heute sind. Jeden Tag haben wir die Chance, unser Verhalten zu ändern, den Neuanfang zu wagen, neu geboren zu werden. Der Ursprung des Lebens, auf den der Evangelist verweist, ist das Wasser des Lebens, die Ur-Flut, die Tiefendimension des Menschen, das in Gottes Ur-Grund Ruhen.

 

Die wirkliche Neugeburt findet nicht nach dem Tod infolge karmischer Verstrickungen statt, sondern ist die Rückbesinnung des Menschen auf die Qualität seines Denkens und Handelns, ist eine radikale Umkehr in diesem Leben.

 

Heilspropheten, die den Menschen nach dem Munde reden, gab und gibt es genug; ebenso wie die Unheilspropheten, die geradezu heißhungrig waren und sind nach einem Furcht erregenden Gottesgericht. Johannes fordert aber die Menschen auf, selbst ihren Beitrag zum kommenden Heil der Welt zu leisten, ihr bisheriges Leben zu überdenken. Das Himmelreich kommt nicht plötzlich. Es beginnt überall dort, wo Menschen aus ihrem Schlaf, Ihrer Unbewusstheit und zurechtgemachten Endzeithoffnung aufwachen.

 

Trotz eines vermeintlichen großen spirituellen Bewusstseins in unserer Zeit ist den meisten die Unterscheidung von Körper (lat.: corpus, gr.: soma), Seele (lat.: anima) und Geist (lat.: spiritus, gr.: pneuma) nicht bekannt. Seele und Geist werden ständig miteinander verwechselt, und daher kann man auch die Irritationen im Dschungel der Heilsangebote verstehen.

 

Schon der berühmte lateinische Spruch: mens sana in corpore sano wird seit Jahrhunderten fehlübersetzt mit: „ein gesunder Geist in einem gesunden Körper“. Unreflektierte Übersetzungen führen zwangsläufig zu irreführenden Wahrnehmungen.

 

Die Italiener gebrauchen das herrliche Wortspiel:

 

traduttore traditore

 

der Übersetzer ist gleichzeitig der Verräter. Traduttore kommt von lat.: transducere (hinüberführen) und traditore kommt von lat.: transdire (weitersagen). Letzteres ist die uns geläufige Tradition, dasjenige, was weitergesagt und weitergegeben wird.

 

Mens bedeutet nicht Geist, sondern Verstand (engl.: mind, Sanskrit: Manas, die Denkfähigkeit). Aus dem Sanskritwort „Manas“ kommt unser deutsches Wort Mensch“. Im Lateinischen ist es „homo“ (frz.: homme), was mit lat.: humus (Erde) zu tun hat.

 

Für eine tiefgreifende spirituelle (geistige) Erfahrung muss gerade das Denken aufhören, damit das Mysterium des universalen und ewigen Geistes offenbar werden kann.

  

Psychische (seelische) Störungen sind keine Geisteskrankheiten. Der Geist des Menschen ist ständig ohne jegliche Beeinträchtigung ewig, gesund, unzerstörbar und lebendig verfügbar.

 

 

Der spirituelle Meister ist kein Geistheiler, weil es diesen Beruf überhaupt nicht geben kann. Jeder verantwortungsbewusste Heiler versucht einen Lösungsprozess in Gang zu setzen, der letztlich dazu führt, dass die oftmals schmerzliche Dualität von Körper und Seele überwunden werden kann, damit die integrierende geistige Kraft, die man als ewiges Leben bezeichnet, wirksam wird.

 

Heilung (lat.: salvatio) ist immer zugleich Lösung (lat.: solutio). Wer sich anmaßt, den Geist heilen zu können, der in keiner Weise manipulierbar ist (Sanskrit: Atma, Atmung, Geist, Inspiration, ist eine aus dem tiefsten Urgrund kommende Erfahrungsdimension), macht unseriöse Versprechen. Jesus Christus war kein Geistheiler, aber hat durch sein Wirken einen Raum in den Herzen vieler Menschen geöffnet, in dem der Geist Gottes inspirierend, Atem spendende Lösungsprozesse in Gang gebracht hat.

 

Die heutige Quantenphysik, wie sie uns von dem Naturwissenschaftler und Friedensnobelpreisträger Hans-Peter Dürr (1929 – 2014), Meisterschüler des Physik-Nobelpreisträgers Werner Heisenberg, 1901 - 1976) überzeu-gend nahegebracht wurde bestätigt die Potentialität eines wirkungsmächtigen Hintergrundfeldes, wo Heilung möglich ist. Wissenschaftler herkömmlichen Denkens haben große Schwierigkeiten, dem Wissenden & Weisen Hans-Peter Dürr zu folgen und suchen vergeblich nach der Beweisführung seiner Aus-sagen. Sein Leben und sein Erfahrungshorizont sprechen für sich selbst.

 

Es geht nicht darum, etwas zu finden, denn es ist ja alles vorhanden. Wir müssen keine Erleuchtung anstreben. Erleuchtung ist einfach Erkennen der Wirklichkeit; alles, was wir sind, ist immer der Augen-blick, die Gegenwart. In diesem Bereich findet Befreiung und Erlö-sung statt, nicht in Vergangenheit und Zukunft.

 

Der Beweis dafür liegt in der radikalen Präsenz. Beweis hat auch mit Wissen zu tun; der Engländer benutzt das Wort proof, der Franzose preuve. Beweis wird hier als Prüfung verstanden, lat.: probatio. Auf dem geistigen Weg ist jeder Probant, Prüfling und legt mit der Erkenntnis den Beweis seiner Erfahrung vor.

 

Medicus curat, natura sanat, der Arzt sorgt (lat.: curare) sich mit seinem Wissen um die Mitte (lat.: medium) des Menschen und überlässt der Natur den Heilungs- und Lösungsvorgang. Die Demut des Arztes liegt darin, die Voraussetzungen zu schaffen, dass der innerste Raum des Menschen von der Natur, von Gott derart berührt wird, dass das ständig bestehende Heil der Welt (lat.: salus mundi) wieder erlebbar werden kann. Wie ein spiritueller Meister ist auch der Mediziner, ein Mittler, ein Mediator, ein Meditations-lehrer, der sich niemals als Heiler bezeichnen würde.

 

Jedes Heilmittel (engl.: remedy; wörtlich: Rückkehr zur Mitte) führt den Menschen in seine Ganzheitlichkeit zurück (gr.: holon, engl.: wholeness). Diese Rückführung, die Reduktion (lat.: reducere = zurückführen) auf das Wesentliche gipfelt im Heil- und Heilig-Sein (engl.: holiness).

 

Die Selbst-Erlösung ist kein Ego-Trip, sondern die Auflösung der hinder-lichen Ego-Strukturen, das Aufgeben der Ich-Haftigkeit, damit das wahre göttliche Wesen im Inneren jedes Menschen hervortreten kann und mit seiner Leuchtkraft, mit der ausschließlich von innen kommenden Ausstrahlung (engl.: radiance) Wirklichkeit wird, und zwar im Hier und Jetzt.

 

Wenn wir in den geistigen Raum durch die Überwindung der Dualität von Körper und Seele voll eingedrungen sind, sind Krankheiten damit nicht beseitigt, nehmen aber nicht mehr den großen Stellenwert ein.

 

Als der große indische Weise Ramana Maharshi (1879 – 1950) mit einer schweren Krebserkrankung auf seinen irdischen Tod zuging und seine Schüler sehr besorgt um ihn waren, sagte er:

 

 „Mein Körper und meine Seele leiden, aber nicht mein Geist. Ich werde immer bei Euch bleiben.“

 

Genauso hatte Jesus Christus, der salvator mundi, gesprochen, als er sich von seinen Jüngern verabschiedete. Doch die Jünger hatten ihren Meister gar nicht verstanden.

 

Das Wesen einer großen Persönlichkeit zeigt sich in der Durchlässigkeit zur Quelle der Genesung und Heil-Werdung.

 

Der Arzt (engl.: physician) sollte sich mit der Natur (griech.: physis) der Menschen und seiner Umgebung befassen wie der Physiker (engl.: physicist) die Natur des Kosmos in Demut beobachten sollte.

 

Unser Leben ist reichhaltig an wundervollen Geheimnissen. Das Ganze, das Heile, ist mehr als die Summe der Einzelteile. Unser Leben hat keinen Anfang und kein Ende, ist ein ewiger Entfaltungsprozess, wo der Mensch als Co-Creator der ständige Mitschöpfer de

 

Leben, ist die dritte, die spirituelle Dimension unseres Wesens, wo wir die Dualität von Geburt und Tod, von Körper und Seele transzendieren und einen Richtungswechsel im Sinne einer dynamischen Offenheit vornehmen, der Quantenphysiker Hans-Peter Dürr nennt es „Potentialität“.

Roland R. Ropers, Kultur-, Religions- und Sprachphilosoph, Begründer der ETYMOSOPHIE, Buchautor, Kolumnist, autorisierter Weisheitslehrer, weltweite Seminar- und Vortragstätigkeit, Präsident der INTERNATIONAL GANDHI & GRIFFITHS SOCIETY - Movement for Spirituality and Non-Violence

E-Mail: ROPARADISE@gmx.de