„Es ist derjenige am weitesten von der Wahrheit entfernt, der auf alles eine Antwort hat".

(Chuang-tzu, 369 – 286 v. Chr.)

 

Das Universum ist nichts anderes als ein kosmisches Bewusstseinsfeld, das sich immer wieder materialisiert, wobei der größte Teil unsichtbar ist – 99,99% sind Leere.

 

Die wirkliche und geistig wesentliche Neugeburt findet nicht nach dem Tod statt, sondern ist die Rückbesinnung des Menschen auf die Qualität seines Denkens und Handelns, ist eine radikale Veränderung der Denkgewohn-heiten in diesem Leben.

Gott ist weder männlich noch weiblich.

Unser Urgrund ist in den Kategorien von Geschlechtlichkeiten nicht zu beschreiben. Das männliche und weibliche Prinzip des Lebens bedingen sich einander in völliger Gleichwertigkeit und Gleichgültigkeit.

 

Das innere Wesen des Menschen, der Urgrund des kosmischen Seins, ist frei von jeglicher Schuld, Erbsünde und Gewissensnot. Die gottesfernen Glaubensherrscher haben sich mit egozentrierten Erkenntnistheorien in einer Welt von bewusster Wissensentfremdung professionell etabliert und die Menschen in einem lebenslangen „Schuld-Gefängnis“ eingesperrt, aus dem es sich zu befreien gilt. Gott selbst hat man den Zugang zu seinem Eigentum versperrt, wie es die Passage im Prolog im Johannes-Evangelium anschaulich beschreibt: "Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf."

 

Es gibt weder Erbsünde (engl.: original sin; wörtlich: Trennung vom Urgrund) noch Erbschuld.

 

In meinem innersten Eigenheim, in meinem Urgrund, herrschen Heiterkeit, Freude und Seligkeit. Dort bin ich sicher, dass mir nichts im Leben zustoßen kann. Dort erreichen mich keine Kritik und kein Lob, keine Schande und kein Unheil. Alle Wesen sind eine Manifestation dieses Urprinzips, das wir Europäer Gott nennen. Dieses göttliche Prinzip ist uns bei der Taufe bestätigt worden. Sie bestätigt, dass wir Kinder Gottes sind, dass wir göttlichen Ursprungs sind. Die Taufe hat uns nichts Neues gebracht, sie hat uns nur unser göttliches Wesen bekräftigt.

 

Die lateinischen Worte dies (Tag) und deus (Gott) hängen etymosophisch eng miteinander zusammen.

DIES = der helllichte Tag

DEUS = das Licht in der Welt

(Sanskrit: Dyau - die Region des reinen Lichts)

Wie in Jesus ist dieses göttliche Prinzip in jedem von uns Mensch geworden.

 

Gute Werke und Wohlverhalten werden von uns gefordert. Den Himmel muss man sich verdienen, heißt es.

Wo viele Programme und Aktionen laufen, zeigt sich eine gute Pfarrei.

Was ist das für ein Gottesbild?

Es ist ein Gott der Buchhalter.

 

Sein, nicht Leistung ist die Kernaussage jeder Religion.

 

Unsere Erziehungszentren sind zu wenig Lebensschulen, auch wenn sie das für sich beanspruchen. Sie sind auf mentale Leistung ausgerichtet, auf Beruf, auf Karriere, Prüfungen, gute Abschlüsse und nicht auf das Sein. Differen-ziertes Spezialwissen beansprucht die ganze Kraft. Unser Geist wird in enge Leitplanken gezwängt. Er kann sich kaum frei entwickeln. Der Habe-Modus steht im Vordergrund nicht der Seins-Modus (Erich Fromm). Das gilt auch in der Theologie. Dr. theol. wird man, wenn man nachgewiesen hat, dass man viel über Gott weiß, nicht, dass man etwas von ihm erfahren hat.

 

„Die Neue Welt, die wir suchen, ist die Welt der Auferstehung.

Diese Welt ist bereits gegenwärtig, denn das Königreich Gottes ist inwendig in uns.

Der Tod ist der Durchbruch zum Bewusstsein dieser stets gegenwärtigen Auferstehung im Hier und Jetzt.

Der Weg des Menschen ist die Rückkehr zu der Quelle, zur Wurzel, zum Seinsgrund.

Jenseits von Körper und Seele, von Gefühl und Gedanke,

gibt es einen Zustand, in dem der Mensch zu seinem Sein erwacht, indem er seine Quelle entdeckt,

und das nicht etwa in Bewusstlosigkeit, sondern in reinem Bewusstsein.

Dies ist das Ziel, das angestrebt werden muss.

In ihm wird Selbstverwirklichung und Selbsterkenntnis gefunden.

Dies ist die Erkenntnis des Selbst, des Atman, des Geistes,

wo der Geist des Menschen den Geist Gottes erreicht und berührt.“

(Bede Griffiths O.S.B., 1906 – 1993)

 

Alle Weisen mahnen zur Besinnung, zur Um – und Rückkehr in das ureigenste Zentrum, welches man mit Gott, Brahman, Seinsgrund, Nirvana u.a. bezeichnen kann. Der große Transformationsprozess vollzieht sich bereits seit längerem, und immer wieder werden wir durch periphere Sensationen und Phänomene in Atem gehalten.

Seit der argentinische Jesuit Jorge Bergoglio seit März 2013 als Papst Franziskus eine völlig neue Ära eingeläutet hat, gibt es große Hoffnung für eine Veränderung.

 

Gleichzeitig muss man mit ebenso großer Sorge zur Kenntnis nehmen, wie in so genannten spirituellen Kreisen – leider oft unbewusst bzw. in Unkenntnis -- in ähnlicher Weise mit der Inanspruchnahme Gottes verfahren wird. Avidya (Sanskrit: Nicht-Wissen) ist ein wichtiger Begriff der Vedanta-Philosophie. Die individuelle Nicht-Erkenntnis vermag zwischen Vergänglichem und Unvergänglichem, zwischen Wirklichem und Unwirklichem nicht zu unterscheiden, die kosmische Nicht-Erkenntnis ist Maya (Illusion). Avidya gilt als die Wurzel alles Unheilsamen in der Welt; es ist derjenige Geisteszustand, der illusorische Phänomene für Wirklichkeit hält und Leiden herbeiführt.

 

Über Jahrhunderte hat die römisch-katholische Kirche die Lehre vertreten, Jesus Christus sei Gott. Christus selbst hat von sich diese Aussage nie gemacht und hat sich nur als Sohn Gottes betrachtet. Jeder Mensch ist nach dem Ebenbild Gottes geschaffen und ist in Gottes Urgrund beheimatet.

Der Benediktinermönch und Mystiker Dom Bede Griffiths sagte wiederholt:

„Jesus ist einzigartig, aber nicht der einzige!“

(„Jesus is unique but not the only one!“)

 

Der Mensch ist ein ständig Mitschöpfender, ein Co-Kreator, des Universums,

aber nicht der Schöpfer allein.

Vor dieser irrigen Annahme haben zu allen Zeiten die Meister und Weisen gewarnt.

Das unsichtbare Feld, das wirkt und uns umgibt, ist weitaus größer als die sichtbare Welt.

 

In Unkenntnis der großen Heiligen Schriften wird der klassische Lehrsatz der Veden oft missgedeutet: Aham Brahman Asmi (Ich bin Brahman). Aham ist das wirkliche Ich des Menschen und muss von Ahamkara (Ich-Bewusstsein) unterschieden werden. Brahman, das ewige, unvergängliche Absolute, die höchste, nicht-duale Wirklichkeit des Vedanta, ist ein Begriff, für den es in den dual aufgefassten Religionen mit einem persönlichen Gott kein Äquivalent gibt. Brahman ist ein Zustand reiner Transzendenz, der Überschreitung der Polarität von Geburt und Tod, wo Vorstellungen und Projektionen von Reinkarnation u.ä. keinen Platz finden. Der vedische Ausspruch „Kam Brahman“ (Alles ist Brahman; christlich ausgedrückt: alles ist Gott) besagt, dass nur Brahman, der Wesensgrund existiert und wir darauf eine Vorstellungswelt des Denkens projizieren wie Bilder auf eine Kinoleinwand.

 

Die Leinwand selbst bleibt stets unberührt.

Jede ernsthafte Kontemplations-Übung, die von Imaginationsgebilden befreit ist, versucht auf dem Weg in die völlige Leere (Nirvana = das Auslöschen aller Gedanken) sich dem göttlichen Urgrund zu nähern. Je näher man sich diesem unzerstörbaren, ewig in jedem Menschen existierenden Wesenskern kommt, desto kleiner wird das hinderliche Ego und die Gegenwart Gottes strahlt leuchtend hervor.

Wenn wir in uns und um uns diesem verwandelnden Geist Raum geben, erfahren wir, dass der Geist das Wesen unseres Wirkens ist. In einem begnadeten Augenblick dürfen wir dann mit Paulus erkennen:

„Ich lebe, nein nicht ich, Christus lebt in mir!“ (Galater 2, 20).

 

Im Durchbruch zu diesem mystischen Bewusstsein erleben wir, was die christlichen Mystiker mit dem Wort „Theosis“ bezeichnen: Vergöttlichung, Gott-Werdung. In Christus ist Gott Mensch geworden, um die in uns verborgene Dimension der Göttlichkeit wachzurufen. Christus ist die Gestalt der tiefen Einheit des Menschen mit dem göttlichen Seinsgrund, und durch ihn sind wir berufen „von der ganzen Fülle Gottes erfüllt zu werden“ (Epheser 3, 19). An ihm erkennen wir, zu welch befreiender Erfahrungstiefe wir ein-geladen sind, welcher Schatz in uns verborgen liegt.

 

„Das Königreich Gottes ist inwendig in Euch!“ (Lukas 17, 21)

 

In unserem Leben geht es um tägliche Neugeburt (engl. rebirth) –

nicht aber um eine Wiederverkörperung (engl. reincarnation) nach dem Tode.

 

Die buddhistisch geprägten ZEN-Meister sagen:

„Wir kommen nicht und wir gehen nicht. Es gibt weder Geburt noch Tod!“

 

Gautama Siddhartas legendenhafte Geburt ist bereits voller Symbolik, denn „Maya“, der Name seiner Mutter, hat auch die Bedeutung von Illusion oder Täuschung. In eine Welt der Täuschungen und des schönen Scheins hineingeboren, sucht der spätere Buddha (der Erwachte) nach der Wahrheit.

 

„Der BUDDHA hat meiner Meinung nach das Wesen des Universums am besten erkannt,

denn er konnte durch die Welt der Erscheinungen, die Welt der Sinne blicken.

Er kannte die Vergänglichkeit der Dinge. Es gibt in dieser Welt keine endgültige Erfüllung.

Wir leben in einer Welt unbeständiger Phänomene, alles ändert sich unaufhörlich,

alles ist im Fluss und Widerstreit.

Im Augenblick des Todes transzendieren wir diesen Fluss der Phänomene und den Körper.

Wir betreten die Wirklichkeit“. (Bede Griffiths)

 

Das englische Wort body wird allgemeinüblich mit Körper übersetzt. Niemand macht sich über den eigentlichen Ursprung dieses so oft benutzten Wortes Gedanken. Das altenglische Wort für body heißt bodig und bedeutet zunächst Boden.

 

Das deutsche Wort Körper hat seinen Ursprung im lateinischen Wort corpus. In der englischen Sprache bedeutet corpse = Leichnam, corps steht für Armeekorps und Körperschaft, corpus ist der medizinische Körper wie auch Gesetzessammlung.

 

Der Leib Christi heißt auf englisch mystical body of Christ, wobei wir auf das so viel benutzte Wort body zurückgekommen sind.

Für das deutsche Wort Boden werden in der englischen Sprache heute die Wörter bottom und ground (im Deutschen auch Grund) benutzt.

Im Sanskrit heißt Boden Budhnáh. Das Sanskrit-Verb budh bedeutet erwachen, verstehen (engl. to wake up, to understand).

In der deutschen Sprache kennen wir das Wort bodenständig (auf dem Boden stehend, fest verwurzelt).

Wer bodenständig ist, hat einen Standpunkt, er versteht.

Interessant ist jedenfalls, dass body mit Boden und weiter zurückführend mit Buddha zu tun hat.

Das Ja-Sagen zur Körperlichkeit entgegen einer durch fehlgeleitete Erziehungsmodelle oftmals praktizierten Leib-Feindlichkeit führt zum Erwachen des Menschen.

 

Es geht um LEIB und LEBEN

BODY, BUDDHA and LIFE:

das ERWACHEN (body) zum EWIGEN LEBEN.

 

Und eine Legende spiegelt Buddhas unerschütterlichen Glauben, einen Aus-weg aus der endlosen Kette der Wiedergeburten gefunden zu haben -- durch eine einmalige und endgültige, letzte Wieder- und Neugeburt: „Als der Buddha geboren wurde, stand er auf, tat sieben Schritte in jede Himmelsrichtung und sprach: Ich werde dem Alter, der Krankheit und dem Sterben ein Ende machen. Dies ist in Wahrheit meine letzte Geburt. Ich werde nicht wiedergeboren werden.“

Woher nahm Buddha diese Gewissheit? Zunächst kam er in seiner Erleuchtungserfahrung unter dem Bodhi-Baum zur Erkenntnis, dass Wiedergeburt keine undurchschaubare und unberechenbare Angelegenheit sei, sondern einem logischen Gesetz folge: „Wenn dies ist, ist auch jenes. Wenn dieses entsteht, entsteht auch jenes. Wenn dies nicht ist, wird auch jenes nicht sein. Wenn dies vergeht, wird auch jenes vergehen.“

Anders ausgedrückt: alles, was entsteht, entsteht in Abhängigkeit von anderem und kann nicht isoliert betrachtet werden.

Auf den ersten Blick scheint der Mensch ein hilfloses Opfer des Karma-Wirkens zu sein. Aber Buddha erkannte in der Gesetzmäßigkeit auch die Chance zur Befreiung. Durch rechtes Denken, rechtes Tun, rechte Lebensweise, kurz: indem man dem achtfachen Pfad folgt, kann man die Gier (Sanskrit: Trishna) auslöschen, die Entstehung schlechten Karmas verhindern und die leidvolle Kette der Wiedergeburten durchbrechen.

 

Die wirkliche und wesentlich geistige Neugeburt findet nicht nach dem Tod, statt sondern ist die Rückbesinnung des Menschen auf die Qualität seines Denkens und Handelns, ist eine radikale Veränderung der Denkgewohnheiten in diesem Leben.

 

Heilspropheten, die den Menschen nach dem Munde reden, gab und gibt es genug; ebenso wie die Unheilspropheten. Das Himmelreich kommt nicht plötzlich. Es beginnt überall dort, wo Menschen aus ihrem Schlaf, ihrer Unbewusstheit und zurechtgemachten Endzeithoffnung aufwachen.

Roland R. Ropers, Kultur-, Religions- und Sprachphilosoph, Begründer der ETYMOSOPHIE, Buchautor, Kolumnist, autorisierter Weisheitslehrer, weltweite Seminar- und Vortragstätigkeit, Präsident der INTERNATIONAL GANDHI & GRIFFITHS SOCIETY - Movement for Spirituality and Non-Violence

E-Mail: ROPARADISE@gmx.de