Etymosophie

 

griechisch: étymon:

 

der wahre, ursprüngliche   Sinn eines Wortes

 

Sprache – das Tor zur Weisheit

 

 „Der Weise sucht, was in ihm ist, der Tor, was außerhalb.“

(Konfuzius)

 

 

Wer erfahren hat, dass die Wesensnatur eines jeden von uns ohne Tor, ohne Schranke ist, ist ein Weiser und Wissender.

 

Wer in der Leere die Fülle erlebt, ist ein völlig befreiter und freier Mensch.

 

Ein Tor ist, wer außerhalb sucht und in unersättlichem Streben nach Besitz und Macht herumirrt, wer Eigen-Tore schießt und zum Gefangenen seiner Torheit wird, wer das Tor zur Weisheit verfehlt und stattdessen an der Peripherie des Lebens von nach außen wirkenden, betörenden Zentrifugal-kräften manipuliert wird und dabei die Kraft für die Rückkehr ins eigene und gleichzeitig göttliche Zentrum nicht aufbringt.

 

  „Im Anfang war das Wort…“

 

Wir leben in einer Welt des Bewusstseins-Wandels, der Transformation, wo unsere Worte, unsere Sprache die Welt in ihrer Ursprünglichkeit erfassen und wiederentdecken sollten. Die Turmbaulegende von Babel schildert primär ein geistiges Entwicklungsgeschehen innerhalb der Menschheit, den Fall vom Geistesbewusstsein in das Verstandesdenken, den Verlust von Intuition, des inneren Wortes, das aus der Gabe unmittelbarer Anschauung geboren wurde. Diese Anschauung nennt der Grieche theoria, die Wesensschau.

 

Unsere Ratio, unser Intellekt hat die Wesensschau, das Erkennen des Wesentlichen vergewaltigt und versteht jetzt irrtümlich unter Theorie abstraktes Denken.

 

Den Vätern der Urzeit war noch Sinn und Schöpfungskraft der Laute ihrer Sprache wohlbekannt. Sie vermochten daher das Wesen aller Dinge durch die lebendig erfühlten Sprachkräfte auszudrücken, so dass zwischen der Buchstabenmagie ihrer Namensgebung und der geistigen Idee eine tiefe Entsprechung bestand.

 

Schon zur Blütezeit der althellenischen Kultur hatte das Sprachenbabel in der Welt einen solchen Umfang angenommen, dass sich die griechische Philosophie oftmals mit der Frage nach dem Ursprung der Sprache und ihren Zerfall in die Vielheit auseinandersetzte.

 

Der antike Mensch wusste noch, dass das gesprochene Wort zutiefst im Urgrund verwurzelt ist und aus dem göttlichen Impuls empfangen wurde. Heraklit und Kratylos betrachteten die Namen der Dinge als geistesgemäße Lautgebilde, die das innerste Wesen ausdrücken. Der Urmensch durchschaute wesenhaft und bildete das Wort nach seiner inneren Anschauung. Demokrit, der die Sprache als eine Erfindung des Menschen ansah, führt als Begründung an:

 

1.      die Homonyme = gleich klingende Wörter, die Verschiedenes bedeuten.

 

2.      die Synonyme        = verschiedene Wörter mit gleicher Bedeutung

 

3.      die Anomalie der Grammatik: keine Analogie, mehr Ausnahmen fast als Regeln.

 

 Aristoteles vertrat die Ansicht, dass in der Sprache nichts Organisches, ursprünglich Kosmisches zu finden ist, sondern zweckdienliche Kunstgebilde, der Übereinkunft und Satzung einzelner Menschengruppen entsprungen. Gleicht die Haltung unserer Zeit nicht vielfach jener antiken Dekadenz?

 

Unsere Lehrer haben uns noch den so genannten aristotelischen Syllogismus“ beigebracht, um uns logisches Denken zu vermitteln – von Intuition war selten die Rede.

 

Beispiel:

 

Alle Menschen sind sterblich                1. Prämisse

Alle Griechen sind Menschen                2. Prämisse

Alle Griechen sind sterblich                  3. Schlussfolgerung

 

 Sokrates hatte das Daimonion, die Götterwelt im Innersten des Menschen entdeckt. Griechische Weisheit hatte wesentlich zur Geburt einer neuen Menschheitsepoche beigetragen, deren schicksalsreichster Augenblick das Ereignis von Golgotha war. Herabgestiegen war das Weltenwort, hatte sich zu erkennen ergeben in der Verkündigung: „ICH bin das Wort“, wurde gekreuzigt und ist auferstanden. So konnte Paulus viel bewusster als Sokrates auf den Christus in uns, das lebendige innere Wort hinweisen. Mitten hinein in die Dämmerung der alten Götter ertönten die machtvollen Klänge uralter Wahrheit: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort.“ (Prolog des Johannes-Evangeliums).

 

Irdische Sprachwissenschaft befasst sich immer mit einem schon Gewor-denen und seiner historischen Veränderung. Geistige Sprachforschung da-gegen spürt dem stets Lebendigen der Sprache nach, den inneren Gesetzen ihres Werdens und ihrer etymologischen Wurzeln. Für sie sind die Laute der menschlichen Sprache, die im Raume verhallt, nur ein Gleichnis für das innere Wort im Menschen, das wiederum ein Abbild des universalen, kosmischen Schöpfungswortes ist.

 

Ich selbst habe den Begriff „Etymosophie“ in die Sprache eingeführt. Etymosophie soll über die gängige Etymologie hinausgehen (ähnlich wie Philologie und Philosophie, Theologie und Theosophie, Kardiologie und Kardiosophie u.a.). Auch der von mir geschaffene Begriff „Kardiosophie“ ist bis heute noch nicht bekannt.

 

„Etymologie“ setzt sich aus den griechischen Worten „etymos“ (wahrhaftig, wirklich, echt) und „lógos“ (Wort, Lehre) zusammen.

 „Etymosophie“ ist wahrhaftige und echte Weisheit.

 

Einen Gedanken „denken“ (= dinglich gestalten), bedeutet, sich etwas „vorstellen“ (Imagination, Impression). Dann werden die Willenskräfte weiter in Bewegung gesetzt, um diesen Gedanken „auszudrücken“ (Expression). Dies geschieht durch seine Abgrenzung, indem  durch einen Namen, ein „entsprechendes“ Wort benannt und damit von anderen Gedanken gleichsam separiert wird. Daher bedeutet auch das Wort „Sprache“ nichts anderes als sein Name besagt: Se-pa-ra-che = Separierungskraft, die Fähigkeit der Trennung, der Teilung (vgl. dazu das holländische taal = Sprache, vom Wortstamm teilen“, engl.: to tell).

 

Alles im Weltall besitzt Name und Gestalt als Voraussetzung seiner Manifestation. Innerhalb des menschlichen Mikrokosmos gibt es keine einzige Welle des Denkens, die nicht durch Namen bedingt wäre. Da die Natur durchgängig nach dem gleichen Prinzip angelegt ist, muss diese Bedingtheit durch Name und Gestalt auch das Prinzip sein, das dem ganzen Kosmos zugrunde liegt. So muss das Wissen um den Menschen zum Wissen um das Weltall führen.

 

Nun ist Gestalt die äußere Schale, deren innersten Wesen und Kern der Name (die Idee) ist. Der Körper ist die Gestalt, der Geist der innere Name. Lautsymbole sind ohne Ausnahme überall dort mit einem Namen verbunden, wo Geschöpfe der Sprache mächtig sind. Im Menschen müssen sich die Gedanken zunächst als Wörter und dann als die konkreteren Formen (Begriffe) manifestieren. Im Weltall offenbart sich das universelle göttliche Bewusstsein zuerst als Name (Schöpfungsidee) und dann als die Gestalt gewordene geschaffene Welt. Die ganze sichtbare und greifbare Welt ist die Gestalt, hinter der dieser ewig unaussprechliche Name steht: der Logos, das Wort, welches sich offenbart. Aus dieser Schöpfungskraft schuf Gott das Universum.

 

Die abendländischen Christen sagen:   „Im Anfang war das Wort“      (Logos)

 

Die Chinesen sagen:                                  „Im Anfang war TAO“                 (Weg)

 

Die Inder sagen:                                        „Im Anfang war Shabda“          (Klang)

 

 

So wie Gedanke und Lautsymbol untrennbar miteinander verbunden sind, lässt sich diese Verbundenheit auch auf die vielen verschiedenartigen Aspekte von Gott und Weltall (Namen) anwenden: jeder dieser Aspekte muss in einem besonderen Wortsymbol seinen Ausdruck finden. Diese Namen, der tiefsten geistigen Schau der Weisen entsprungen, sind der genaueste Wortausdruck einer besonderen Wesensseite Gottes und des Weltalls.

 

Das gesprochene Wort hat eine Macht, die von den modernen Gelehrten gewaltig unterschätzt wird. Weil Ton und Rhythmus in enger Beziehung zu den vier Elementen Erde, Wasser, Feuer Luft stehen, erwecken diese oder jene Schwingungen im Luftäther auch die entsprechenden Geisteskräfte. Das Wissen um die Mystik und Magie des Wortes bildet ein gemeinsames Erbgut aus ältesten Menschheitstagen. Ihm schlossen sich immer wieder neue Seher und Weise an, deren Gotteserfahrung von der Kraft des Wortes und deren Namen Zeugnis ablegte. Was sie davon überlieferten, gibt uns manche Hinweise, um nicht nur ursprachliche Mysterien, sondern auch solche unserer Muttersprache und anderer lebender Sprachen neu erschließen zu lernen.

 

Wird der geistige Mensch der Zukunft einmal die Strahlkräfte des Wortes seherisch zu gestalten wissen, dann wird seine Sprache zum Samen neuer geistiger Welten werden.

 

 

 

 

 

Roland R. Ropers, Kultur-, Religions- und Sprachphilosoph, Begründer der ETYMOSOPHIE, Buchautor, Kolumnist, autorisierter Weisheitslehrer, weltweite Seminar- und Vortragstätigkeit, Präsident der INTERNATIONAL GANDHI & GRIFFITHS SOCIETY - Movement for Spirituality and Non-Violence

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