Leben nach dem Tod?                        

 

 

„Gedanken über das Jenseits kann man sich nur im Diesseits machen"

 

(Karl Valentin)

 

 

 

„Geburt und Tod, beides des Lebens Spiel erhält -

wie beim Gehen der Fuß, einmal erhoben, wieder fällt.“

 

 (Rabindranath Tagore)

 

 

 

„Der aus tiefstem Herzen Gott oder die letzte Wirklichkeit, Brahman,

den Urgrund Suchende versucht die Weltüberwindung in der Gegenwart“.

 

(Roland R. Ropers)

 

 

Viele Menschen befassen sich ständig mit der Frage nach dem Jenseits und bedauerlicherweise zu wenig mit der Erfahrung der Gegenwart. Viele intelli-gente Religionssysteme und Sektenorganisationen haben ein raffiniertes Heilsversprechen im Angebot, Erlösung und Befreiung werden auf eine jen-seitige, paradiesische Welt projiziert und verlagert. Hier wird die Illusion des Jenseitigen zur Fluchtburg für göttliche Geborgenheit als letzte Wirklichkeit angepriesen.

 

 

„Immer nur geht es darum, die Gegenwart zu ordnen.

Die Zukunft soll man nicht vor aussehen wollen,

sondern möglich machen.

Lass also die Zukunft wie einen Baum gedeihen, 

der nach und nach seine Zweige entfaltet.

Von Gegenwart zu Gegenwart wird der Baum

wachsen, bis er vollständig in seinen Tod eintritt“.

 

(Antoine de St. Exupéry)

 

  

Die fuga mundi, die Weltflucht wird das LEIT-motiv für ein LEID-volles Lebensprogramm.

 

Jeder ist bestrebt, das so genannte andere Ufer zu erreichen. Durch Überqueren des Flusses gelange ich vom diesseitigen zum jenseitigen Ufer. Bin ich am jenseitigen Ufer angelangt, erfahre ich augenblicklich diesen Ort als diesseits und das Ufer, von dem ich gerade gekommen bin, wird zum Jenseits. In diesem ständigen Wechselprozess von diesseits und jenseits vollzieht sich das Leben.

 

Wir haben uns an viele Worte mit dem Präfix trans” (= hinüber) gewöhnt: Transfer, Transformation, Transfiguration (die Verklärung Christi), Transfusion, Transgression, Transit, Transkription, Translation, Transmission, Transparenz, Transpersonalität, Transport, Transpiration, Transplantation, Transposition, Transsubstantiation, Transvestit, Transzendenz.

 

Das Wort TRANSVISION finden wir bis jetzt in keinem Sprachlexikon. Aber gerade für die spirituell Interessierten und Engagierten wäre das Hinüberschauen (Transvision) die Voraussetzung für das Hinüberschreiten (Transzendenz). Wir können nicht einen Weg betreten, den wir nicht vor unseren Augen haben. Das Erreichen des anderen Ufers, der trans-zendenten Welt, verlangt zunächst den Blick und die Schau in das Andere, das Jenseitige. Und dies bezeichne ich etymo-sophisch konsequent und einleuchtend mit Transvision.

 

Revision (Zurückschauen), Prävision (Vorausschauen), Television (in die Ferne schauen) sind uns geläufig. Und heute wird so viel von Transformation, von Verwandlung gesprochen. Nur der Transvisionär erkennt die verwandelte Form am jenseitigen Ufer, die Transformation.

 

Transvision ist ein kontemplativer Akt, ein integratives Schauen zweier Welten (Diesseits und Jenseits) in einer Subjekt-Objekt-Verschmelzung. Es handelt sich um einen Erkenntnisakt eines Wissenden, der die Polarität von Geburt und Tod überschritten (transzendiert) hat und im Zustand der Transvision die Wirklichkeit, das ewige Leben, schaut.

 

Transvision und Transzendenz führen zur Erfahrung von Immanenz der in jedem innewohnenden heiligen Quelle, dem Ursprung allen Lebens.

 

„Vacate et videte quoniam ego sum Deus“ (Psalm 46, 10).

 “Werdet leer und schaut, dass ich Gott (die Quelle, der Ursprung) bin.”

 

Die Chinesen bezeichnen das immerwährende Leben mit TAO, der allum-fassenden Einheit der Polarität YIN und YANG. Jede Transzendenz-Erfahrung ist kein Eintauchen in eine jenseitige Welt, sondern das Überschreiten der schmerzlichen Dualität von Geburt und Tod, von diesseits und jenseits, von raum-zeitlicher Begrenztheit und raum-zeitloser Freiheit, hinein in die Wirklichkeit im HIER und JETZT.

 

Kontemplation & Aktion, Theorie & Praxis, Wesensschau &  kreatives Tun sind nicht voneinander zu trennen und können, falls die göttliche Erfahrung wirksam werden soll, nicht separat praktiziert werden. Dieses in vielen religiösen Traditionen noch anzutreffende Erziehungsmodell muss dringend auf eine sinnvolle Weise verwandelt werden. Wir haben Hoffnung zu lange als Geschehen in der Zukunft missverstanden. Hoffnung ist ein Geschenk der Gegenwart, des Augenblicks. Das berühmte lateinische Sprichwort aus der Feder von  Marcus Tullius Cicero (107 – 43 v. Chr.) drückt dies so wundervoll klar aus:

 

dum spiro spero   =   so lange ich atme, hoffe ich

 

 

Atmen ist ein Prozess des Augenblicks und nicht der Zukunft.

 

Man kann nicht auf Vorrat atmen; dieser großartige, lebensspendende Prozess vollzieht sich ausschließlich im Hier und Jetzt. Und eng damit verknüpft ist der sich ständig im Augenblick ereignende Prozess der Hoffnung. Spirare (atmen) und sperare (hoffen) unterscheiden sich in ihrer Schreibweise durch einen einzigen Vokalaustausch der Buchstaben "i" und "e". Atmen und hoffen sind aufs Engste miteinander verknüpft. Darum ist in der Kontemplation die Acht-samkeit auf das Atmen die einzig allein wichtige Übung, und diese eher einfach anmutende Übung ist sehr schwer, weil wir unser Leben aus der Einfachheit in eine komplizierte, verstrickte Projektions-Welt verwandelt haben, wo Illusion und Zeitverschiebungen zum Gegenstand erfahrbarer Wirklichkeit gemacht werden. Das Leben des Menschen vollzieht sich ganz-heitlich und heilswirksam im ungeteilten Dasein. Man war sehr lange der Meinung und ist es noch, dass der von Nikolaus von Kues geprägte Begriff der „coincidentia oppositorum“ Wesensmerkmal einer mystischen Erfah-rung sei. Aus meiner Sicht möchte ich einen neuen Begriff einführen: „transcendentia oppositorum“. Ewiges Leben im paradiesischen Zustand bedeutet für mich die Transzendenz, die Überschreitung von Gegensätzen, Polarität, Dualität, Trennung. So wird die Trennung von Intellekt und Intuition, von Hirn und Herz, auf eine Qualitäts-Ebene transzendiert, die man die Wahrnehmung mit dem dritten Auge nennt. Dann erscheint das vermeintlich Jenseitige, das Transparente (lat. transparere = jenseitig erscheinen) in einem Augenblick diesseitig und jenseitig zugleich. Christlich ausgedrückt wäre dies die „immerwährende Epiphanie“. In dieser paradiesischen Wahrnehmungs-Glückseligkeit (Sanskrit: Ananda) fallen die Gegensätze nicht zusammen, das wäre coincidentia oppositorum, sondern bleiben in ihrer Polarität von Yin und Yang erhalten, werden aber in ihrer ständigen Transzendenz als TAO, als ewiges Leben erfahren. In der Transzendenz von Körper und Seele erfahre ich den lebendigen Geist, der immer war, der immer ist, der immer sein wird. Der Kreislauf der Wiedergeburten gehört zum Dualitätsbereich von Körper und Seele. Der Geist unterliegt diesem Zyklus von Samsara nicht. Wo der Geist lebendig ist, haben körperliche oder seelische Dysfunktionen keinerlei Aus-wirkung auf das Gefühl paradiesischen Glücks. Da wir aber die Dualität von Körper und Seele zu stark in den Vordergrund der vielfältigen Behand-lungsmöglichkeiten (Psycho-Somatik) stellen, hat die geistige Entfaltung zu wenig Raum und Bedeutung. Die Drei-Einheit von Körper, Seele und Geist (der ganze Kosmos ist ein trinita-risches Beziehungsgeflecht: Gott-Vater, Sohn &  Hl. Geist, im Sanskrit: Sat-Chit-Ananda = Sein, Bewusstsein, Glückseligkeit - Geburt, Tod, Leben) wird das Betätigungsfeld zukunftsorientierter Gesundheitsforschung und deren Therapien sein.

Die Zukunft der Human-Medizin liegt in der:

Soma-Psycho-Pneumatik (Körper, Seele und Geist).

 

 

 

 

 

 

 

 

Roland R. Ropers, Kultur-, Religions- und Sprachphilosoph, Begründer der ETYMOSOPHIE, Buchautor, Kolumnist, autorisierter Weisheitslehrer, weltweite Seminar- und Vortragstätigkeit, Präsident der INTERNATIONAL GANDHI & GRIFFITHS SOCIETY - Movement for Spirituality and Non-Violence

E-Mail: ROPARADISE@gmx.de