Der Mozart unter den Mystikern

(1906 – 1993)

 

 „Berühre den Flügel eines Schmetterlings und du bewegst einen Stern.“

(William Blake)

 

 

Der englische Benediktinermönch Bede Griffiths war einer der großen Mystiker und Weisen des 20. Jahrhunderts, der prophetisch die Versöhnung der Weltreligionen vorangetrieben und authentisch gelebt hat.

Alan Richard Griffiths wurde am 17. Dezember 1906 in Walton-on-Thames als jüngstes von 4 Kindern einer englischen Mittelstandsfamilie geboren. Kurz nach seiner Geburt machte sein Vater mit seinem Malerbetrieb Konkurs, nachdem ihn sein Partner um den letzten Penny betrogen hatte. Walter Griffiths hatte dadurch sein Ansehen verloren und konnte in der Familie niemals mehr seine bisherige Autorität zurückgewinnen. Alans Mutter, die für die Kinder nunmehr auch die Vaterrolle übernehmen musste, sah sich gezwungen, in bescheidene Wohnverhältnisse umzuziehen. Sie ging als Putzfrau arbeiten.

Im Alter von 12 Jahren wurde Alan in eine staatliche Schule für bedürftige Knaben eingeschult, in das Christ`s Hospital. Der schlanke, magere, arme Junge war immer Klassenbester; er spielte hervorragend Klavier und war enorm belesen; später bekam er ein Stipendium am Magdalen College in Oxford, wo er von 1925--29 englische Literatur und Philosophie studierte und sehr wesentlich von seinem Tutor und späteren Freund C.S. Lewis (1898 – 1963) geprägt wurde. Die Begabung zum Schreiben und Reden war Alan in die Wiege gelegt worden; seine mehr als 1 Dutzend Bücher und Hunderte von Artikeln legen davon ein beeindruckendes Zeugnis ab.

Nach seinem Universitätsabschluss unternahm Alan Griffiths mit Freunden den Versuch eines gemeinschaftlichen Lebens mitten in der herrlichen Natur der Cotswolds. Die 3 jungen Männer verdienten ihren Lebensunterhalt mit dem Melken von Kühen und dem Verkauf von Milch. Ansonsten versuchten sie beim Lesen der Bibel den unmittelbaren Bezug zur Natur zu erforschen.

Alan lebte ständig in dem Konflikt zwischen dem rationalen Verstand und seinen spirituellen Bedürfnissen. Während eines extremen Fastens erlebte er eines Nachts tränenüberströmt einen plötzlichen Durchbruch, worüber er schrieb: „Ich war nicht mehr der Mittelpunkt meines Lebens“. Und bei der Lektüre von Kardinal John Henry Newman`s (1801 –1890) Buch „Über die Entwicklung der Glaubenslehre“ spürte er seine Rückkehr zum Mittelpunkt des Seins. Er wusste, dass man seiner Mutter den größten Kummer bereiten würde, wenn eines ihrer Kinder zum römisch-katholischen Glauben kon-vertieren sollte. Alan besuchte die Benediktinerabtei Priknash Abbey, fühlte sich innerhalb von 6 Wochen dort beheimatet, wurde am Heiligen Abend des Jahres 1931 in die katholische Kirche aufgenommen und empfing in der Weihnachts-Mitternachtsmesse seine erste heilige Kommunion. Am 20. Dezember 1932 wurde er als Benediktiner-Novize eingekleidet und nahm den Mönchsnamen „Bede“ an, der etymologisch betrachtet germanisch-keltischen Ursprungs ist und bedeutet: ewig, lebendig, unsterblich.

Von 1947-1951 war Bede Griffiths Prior in Farnborough und Pluscarden, doch die wirtschaftliche Leitung eines Klosters war nicht seine Begabung. Die Begegnung mit dem in Europa geborenen indischen Pater Benedikt Alapatt bewog ihn sehr, sich um eine Veränderung seiner Lebensverhältnisse zu bemühen, zumal er durch die C.G. Jung-Schülerin Toni Sussman bereits sehr mit dem Denken des Ostens und indischer Literatur vertraut war. Nach vielen Schwierigkeiten wurde seine Gelöbnisbindung an das Kloster Prinknash Abbey aufgehoben, wonach Bede Griffiths in sein Tagebuch schrieb: „Die Aufgabe des Ego ist der einzig mögliche Weg zum Leben. Ich werde jetzt die andere Hälfte meiner Seele entdecken.“ 1955 verließ er sein Heimatland England endgültig und reiste zusammen mit Pater Benedikt Alapatt nach Bombay. Nach Sanskrit-Studium und 10-jährigem Aufenthalt im Kurisumala Ashram des belgischen Trappisten Francis Mahieu (besser bekannt als Swami Francis Acharya) -- der 91-jährig am 31. Januar 2002 gestorben ist -- übernahm Bede Griffiths im Jahre 1968 den Sat-Chit-Ananda Ashram (Sanskrit: Sein-Bewusstsein-Glückseligkeit) in Tannirpalli/Tamil Nadu. Shantivanam, der Wald des Friedens, wurde 1950 von dem französischen Diözesanmissionar Jules Monchanin und dem Benediktiner Henri Le Saux (Swami Abhishiktananda) gegründet. Am heiligen Fluss Süd-Indiens, am River Cauvery entstand ein wunderschöner Ashram, der unter der spirituellen Führung von Bede Griffiths (Swami DayandaGlückseligkeit des Erbarmens) zu einem Begegnungszentrum der Weltreligionen und des kontemplativen Lebens wurde. Täglich interpretierte Bede Griffiths die heiligen Schriften aller großen Traditionen und warf dabei immer wieder neues Licht auf das Mysterium des Christentums.

 

Der Mensch

Bede Griffiths war ein Mensch mit einem universellen Herzen. Er achtete die Heiligkeit jeder Person, da er tief daran glaubte, dass jede Person ein einmaliges, unverwechselbares Bild des Göttlichen sei. Mit Jan van Ruysbroeck (1293 – 1381) glaubte er, dass „Gottes Werk in der Leere der Seele ewig ist“. Gern beschrieb er den göttlichen Prozess im Innern des Menschen. Er war vom Mysterium der Trinität fasziniert und noch mehr von den Möglichkeiten, welche der Hinduismus zur Befruchtung des Christentums beitragen könnte.

Er hatte ein Herz, das zuhören konnte. Jeder, der zu ihm kam, hatte das wun-derbare Gefühl, dass er vorurteilslos angenommen war. Alles, was er gelesen und studiert hatte, konnte er auswendig rezitieren. Den englischen Poeten und Mystiker William Blake (1757 – 1827) schätzte er außer-ordentlich, der schrieb: „Berühre den Flügel eines Schmetterlings und du bewegst einen Stern.“

Bede Griffiths glaubte nicht an einen Monotheismus, sondern fühlte sich in der Trinität, der Drei-Einigkeit geborgen. Wie kaum ein anderer verkörperte er geradezu leuchtend das trinitarische Zusammenwirken von: Sat-Chit-Ananda, Sein, Bewusstsein und Glückseligkeit.

 

Der Mönch

Für Bede Griffiths war Christsein und Mönchsein eng miteinander ver-woben. Insbesondere das indische Mönchstum hatte ihn überzeugt, das Leben des Sannyasi, des der peripheren Welt Entsagenden. Und an Mahatma Gandhi (1869 – 1948) sich orientierend schreibt er in seinem Buch „Christ in India“: „Was Gandhi so deutlich sah, ist, dass die Entsagung keine Weltflucht ist, sondern Freiheit von den Interessen des Egos, die es einem ermöglicht, sich selbst, Gott und der Welt total hinzugeben.“

Bede Griffiths lebte so, wie er schrieb: „Ein Mönch muss immer auf der Suche nach Gott sein, sich fortwährend bemühen, Gott zu verwirklichen und die Wirklichkeit der verborgenen Gegenwart Gottes in der Tiefe des eigenen Herzens zu entdecken.“

Für Bede Griffiths war der Mönch ein Mensch, der seinen wahren Mittelpunkt gefunden hat. Darum besteht die besondere Berufung eines Mönches darin, dieses Bewusstsein vom Mittelpunkt ständig zu erneuern und anderen mitzuteilen. Aus der Kontemplation schöpfte er seine Lebens-energie. Er war davon überzeugt, sie sei die Bestimmung allen menschlichen Lebens. Seine Briefe, Vorträge, Predigten und persönlichen Gespräche waren so bereichernd, weil sie alle dieser kontemplativen Dimension aus dem tiefsten Inneren entsprangen. Den Kontemplationsvollzug sah er nicht nur als Begegnung mit der Transzendenz, sondern auch als schmerzliche Erfahrung der Selbstentdeckung, „da sie Selbsterkenntnis und Läuterung bewirkt und die Illusionen, die wir über unser Selbst haben, zerschlägt, je näher wir dieses Mysterium der Transzendenz berühren.“

Anlässlich eines gemeinsamen Herbstspazierganges formulierte er am 22. September 1992 in Kreuth/Tegernsee seine letztgültige und sicherlich auch schönste Deutung des Begriffs Kontemplation:

„Kontemplation ist das Erwachen zur Gegenwart Gottes im Herzen des Menschen und im uns umgebenden Universum. Kontemplation ist Erkenntnis im Zustand der Liebe.“

Bede Griffiths legte in meiner persönlichen Anwesenheit das Fundament für eine Gesellschaft des kontemplativen Lebens in der Welt. Er betonte stets sehr nachdrücklich:

„Jesus Christus hat nicht die Kirche gepredigt, sondern das Reich Gottes.“

Die dogmatischen Machtstrukturen der römisch-katholischen Kirche betrachtete er als Hindernis auf dem spirituellen Weg zur Befreiung des Menschen. In seinem mir überlassenen spirituellen Vermächtnis schreibt er:

„Die Gesellschaft zur Erneuerung des kontemplativen Lebens ist für alle offen, die wahrhaftig Gott suchen... Die Gesellschaft sollte frei sein, sich auf ihre eigene Weise zu entwickeln, indem sie der Führung des Heiligen Geistes folgt, der allein als Richtschnur für alle Tätigkeiten gilt. Jeder sollte gemäß seiner Berufung über sein Engagement bei sozialen oder politischen Aktivitäten entscheiden, jedoch stets im Hinblick auf den kontemplativen Auftrag, die inwendige Tätigkeit des Heiligen Geistes. Die Gesellschaft besteht auch für Menschen ohne religiöses Bekenntnis, die nur Gott als endgültige Erfüllung in den Wissenschaften, in der Kunst oder im sozialen Dienst suchen; für alle diese sind derartige Aktivitäten Mittel und Wege, um auf die Inspiration des inwendig wirkenden Geistes zu antworten und die Gesellschaft, wo sämtliche menschliche Tätigkeiten unter die Leitung des Heiligen Geistes gestellt werden, in Anspruch zu nehmen..."

 

Sein Beitrag zum Dialog der Weltreligionen ist immens groß und wertvoll; die Früchte seiner unermüdlichen Arbeit werden jetzt langsam geerntet.

 

Der Mystiker

Schon als Gymnasiast hatte Bede Griffiths in der Natur sehr nachhaltige mystische Erlebnisse, die in ihm die unmittelbare Verbindung mit dem Gött-lichen spüren ließen. Sein ganzes Leben war von dieser kontinuierlichen Wesensschau des göttlichen Urgrundes geprägt. Als 84-Jähriger berichtet er nach einer sehr tief greifenden Erleuchtungsphase:

„Ich wurde von Liebe überwältigt und überflutet. Das Weibliche in mir öffnete sich und ein neuer Ausblick tat sich auf. Ich sah die Liebe als das Grundprinzip des Universums, ich sah Gott in der Erde, in den Bäumen, in den Bergen. Das führte mich zu der Überzeugung, dass es in dieser Welt kein absolut Gutes oder Böses gibt. Wir müssen alle unsere Begriffe aufgeben, welche die Welt in Gut und Böse, Richtig und Falsch einteilen, und die Komplementarität der Gegensätze entdecken, die Kardinal Nikolaus von Kues die coincidentia oppositorum nennt.“

 

Mit seinem beispielhaften Leben bezeugte Bede Griffiths die einzigartige Möglichkeit, dem göttlichen Mysterium in der Gegenwart zu begegnen, wenn der gewohnte dualistische und von Projektionen verformte Denkprozess aufgegeben wird zugunsten des Gefühls von Angekommensein, Rückkehr zur Mitte.

 

Bede Griffiths nimmt unter den Mystikern in der Geschichte des Christentums eine herausragende Stellung ein. Er hat andere religiöse Traditionen und Kulturen berührt und integriert wie kaum ein anderer und hat vorbildhaft das Johannes-Wort (17,21) verwirklicht:

„Alle sollen eins sein!“

 

Am 13. Mai 1993 starb Bede Griffiths in der bescheidenen Hütte seines Ashrams und wechselte in tiefstem Frieden in das göttlich-paradiesische Mahasamadhi.

 

Einige beeindruckende Passagen aus dem Buch „Die Hochzeit von Ost und West – Hoffnung für die Menschheit“, Salzburg 2003 (neu übersetzt und herausgegeben von Roland R. Ropers).

 

· Im Neuen Testament findet man weder Papsttum noch Episkopat oder irgendein anderes System der Kirchenverwaltung. Sie sind das Werk des griechischen und römischen Genius, die auf dem neuen Testament auf-bauten. Jesus selbst gab der Kirche kein Verwaltungssystem.

· Die Tatsache, dass Rom zum Zentrum des Christentums wurde, ist ein Zufall der Geschichte, und der Bischof von Rom kam zu seiner derzeitigen Position erst nach vielen Jahrhunderten. Es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass die gegenwärtige Struktur des Papsttums dauerhaft sein wird oder dass die Kirche im Kontext der künftigen Geschichte keine neue Struktur haben wird.

· Es ist ganz sicher, dass die Völker Asiens niemals das Christentum in seiner derzeitigen Form akzeptieren werden. Mehr als 5 Jahrhunderte missio-narischer Tätigkeit haben die Vergeblichkeit dieses Versuches bewiesen. Das Christentum bleibt für die Völker des Ostens eine fremde Religion, die von westlichem Geist geprägt ist.

· Bis auf den heutigen Tag ist die große Stadt, ob London, New York oder Tokio, ein Symbol der Diesseitigkeit geblieben, ein Symbol für die Jagd nach Reichtum, Macht und Vergnügen, die den Menschen von Gott trennen.

· Die gegenwärtige Schöpfung wird nicht aufgelöst, sondern neu geschaffen. Alle verborgenen Kräfte der Natur und im Menschen, die in der gegen-wärtigen Weltordnung unterdrückt sind, kommen zum Vorschein. Im Endzustand werden alle Beschränkungen und Behinderungen dieses gegenwärtigen Lebens überwunden sein, und die ganze Schöpfung wird in einen Zustand göttlicher Seligkeit treten. Dies ist die Rückkehr zum Paradies, die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes von Mensch und Universum.

· Das Christentum kann heute als Religion nicht mehr wachsen, es sei denn, es gibt den einseitigen Hang zum rationalen männlichen der westlichen Kultur auf und gewinnt das weibliche intuitive Erkennen des Ostens wieder. Die Tatsache, dass Frauen in der Kirche nichts zu sagen haben, ist nur eines von vielen Zeichen männlicher Dominanz.

 

 Stimmen zu Bede Griffiths:

 

· S.H. XIV. Dalai Lama: „Seine Vision hat ihm den Weg gewiesen, Herz und Verstand der Menschen zu öffnen für den Frieden und die Einheit, welche aus dem Verständnis der gegenseitigen Anerkennung der großen Religionen erwachsen.“

· Yehudi Menuhin: „Bede Griffiths ist ein authentischer Zeuge für die Weis-heit der großen Religionen. Er offenbart meisterlich und wunderbar die Gegenwart Gottes.“

· Raimon Panikkar: „Bede Griffiths gehört zu den wenigen spirituellen Meistern unserer Zeit, von denen es leider zu wenige gibt.“

 

Buchempfehlungen:

· Bede Griffiths „Göttliche Gegenwart“, Otto Müller Verlag

· Bede Griffiths „Die Hochzeit von Ost und West“, O. Müller Verlag

· Bede Griffiths / Roland R. Ropers "EINE Welt - EINE Menschheit - EINE Religion", Sheema Medien

 

 

 

 

 

 

Roland R. Ropers, Kultur-, Religions- und Sprachphilosoph, Begründer der ETYMOSOPHIE, Buchautor, Kolumnist, autorisierter Weisheitslehrer, weltweite Seminar- und Vortragstätigkeit, Präsident der INTERNATIONAL GANDHI & GRIFFITHS SOCIETY - Movement for Spirituality and Non-Violence

E-Mail: ROPARADISE@gmx.de